Thema

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Nadelobjekte

 

 

Wesentliches Kriterium zeitgenössischer Kunstwerke ist nicht nur, dass sie dazu animieren, das Bekannte auf andere als auf die vertraute Weise wahrzunehmen, sondern auch, dass der Künstler bekannte, vertraute Materialien und Techniken auf ungewohnte verborgene Potenzen und Perspektiven hin untersucht und sich bei solchen Recherchen auch selbst überraschen lässt. Er betritt Neuland, entdeckt Neues und erfährt Neues indem er Neues erzeugt. Neues, das aber gerade dadurch fasziniert, dass es sich vertrautem, womöglich höchst simplem Ursprung verdankt.

Hans Gercke (aus Katalog: days like these, jongsuk yoon, 2004)

 

 

 

Statement

Angelika M.Schäfer visualisiert ihre Gedanken und Eindrücke, die entstehen, indem sie mit der Funktion und Wirkung ihrer Werkzeuge und Materialien spielt. Mit Nadeln, Garn und dem spärlichen Einsatz weniger Farbtöne gestaltet sie einen  Objekt- und Bildkosmos, der durch Einfachheit von Strukturen, wie durch die absolute Sensibilität der Oberfläche besticht. Nadeln erhalten hier Raum,  Bilder zu malen: Ungegenständliches, Zeichenhaftes, wiederkehrende Reihungen aus Fäden, Nadeln und Lochspuren. Dies alles erinnert an die strukturelle Ordnung des textilen Gewebes oder an Wörter, Texte und Textbilder.   Durch Veränderung der Perspektive zeichnen Nadeln Schatten und erwecken den Eindruck von Strichzeichnungen, malen andere Bilder einer neuen Dimension, füllen das ganze Bild, gehen darüber hinaus (2015)          

 

 

Werdegang

Die Nadelherstellung ist einer der bedeutendsten  Produktionsbereiche der Wirtschafts-geschichte Iserlohns. Das Nadelmuseum zeigt den industriellen Produktionsablauf der Nadelherstellung und  beherbergt eine Vielzahl von Artikeln aus dem Nadlergewerbe.


Im Zuge der Einrichtung des Nadelmuseums im Jahr 1987, erhielt Angelika Schäfer einen entscheidenden Impuls für ihre zukünftige Arbeit. Als Weberin hatte sie sich viele Jahre mit der freien Bildweberei auf dem Sektor der Textilkunst befasst und war nun auf der Suche nach neuen Mitteln und Materialien. Die Bestrebung, Grenzen zwischen Design, Kunsthandwerk und Kunst zu überschreiten oder aufzulösen, wuchs. So ließ sie die Idee nicht los, dass Nadeln als Material  -   nicht als Werkzeug - in Verbindung mit textilen Stoffen völlig neue Ausdrucksmöglichkeiten bieten können. Erste Experimente folgten.  

 

Eine weitere Anregung fand sie  durch die Ausstellung  Die Nadel  - Produktion und Anwendung, (Stadtmuseum Iserlohn,1991). Dort wurde u.a. nicht nur die Wandlungen der Wertigkeit textiler Arbeit thematisiert, sondern auch der Aspekt, inwieweit es sich bei der weiblichen Nadelarbeit im ausgehenden 19.Jh. um sinnvolle oder „nutzlose“ Beschäftigung handelte.

Angelika Schäfer  beginnt 1991 die Anwendung der Nadel in ihren Arbeiten neu zu definieren und wendet sich bewusst vom reinen Kunsthandwerk ab:

Die Nadel ist nicht mehr Gebrauchsgut, sondern wird zum künstlerischen Material. Es wird  massenweise eingesetzt, entsprechend der massenweisen (industriellen) Produktionund Anwendung. Der Einsatz der Nadel soll keinerlei dekorativen Mustern folgen.  Statt wie bisher im Arbeitsprozess einer bestimmten Funktion zu folgen, verbleiben sie nun als sichtbare, materialisierte Linien bestehen. Der Faden wird zur organischen Linie. Linien und Striche, Punkte und Löcher sind Ausdrucksmittel, die das Ornamentale meiden. Es erfolgt eine Reduktion von Form und Farbe. Grundlage sind Stoffe,Tücher, eigene Gewebe und Papier.

 

Mit dieser Umsetzung setzt Angelika Schäfer in den frühen 1990er Jahren neue Maßstäbe.

 

Mit dem Griff zur Nadel – als Frau - knüpft Angelika Schäfer  an eine alte Tradition an, war doch das Nähen früher Frauenarbeit und wird bis heute mit Frauen assoziiert. (...) Sie schlägt einen Pfadabseits der über kommenen Bahnen ein. Die Verbindung der Nadel mit Stoffen geschieht auf einer autonomen Ebene, wo allerdings der althergebrachte Funktionszusammenhang stets leicht zu spüren ist.“ (Dr. Agnes Zelck, Katalog Angelika M. Schäfer: NADELkonTEXT, Deutsches Drahtmuseum, Altena 2006)

 

Mitte der 1990er Jahre fand das Thema „Textiles und die Anwendung in der Kunst“ eine immer breitere Basis. Zahlreiche Universitäten und Hochschulen widmeten sich zunehmend diesem Thema.

In ihrer Publikation „Nadelstiche - Sticken in der Kunst der Gegenwart“, schreibt Matilda Felix im Oktober 2010 rückblickend:

Bis zur  Jahrtausendwende sollte es dauern, dass textile Techniken in der Gegenwartskunst  verstärkt Beachtung finden.“

 

Gegenwärtig ist eine regelrechte Konjunktur der textilen Materialien und Techniken in der  Kunst zu verzeichnen. Das schlägt sich  in zahlreichen prominenten Ausstellungen sowie in verschiedenen Symposien und Publikationen nieder.