Thema | Thema
Nadelobjekte | Nadelobjekte
In den Werken von Angelika M. Schäfer gehen insbesondere seit den frühen 1990er Jahren Nadeln und Textilien eine enge Verbindung ein. Die unverwechselbar spitzen Metallgegenstände, die man gemeinhin zwischen Stechschmerz und traditioneller Frauenarbeit, zwischen hochglänzendem Kultur- bzw. Industrieprodukt zum Wegwerfen bestimmten Gebrauchsgegenständen verortet, durchdrangen zunächst einmal gewebte Stoffe, um quasi experimentell auf ihre unterschiedlichsten Variationsmöglichkeiten hin überprüft zu werden.
Die Affinität zur Nadel, wie zu den textilen Materialien, die ebenfalls Eingang in ihre Kunst fanden, wurzelt in der ursprünglichen beruflichen Tätigkeit der Künstlerin als ausgebildete Bildweberin und Textildesignerin. In dem Griff zur Nadel offenbart sich aber auch auf besondere Weise die Verbundenheit der gebürtigen Siegenerin mit ihrer Wahlheimat Iserlohn, in der Nadeln das Industrieprodukt der vergangenen 200 Jahre schlechthin waren.
Angelika Schäfer zielt oftmals darauf ab, den verletzenden und zerstörerischen Wesenszug der Nadel zu minimieren. So erscheinen die Nadeln zum Beispiel mit Stoffbinden gebändigt. Oder gezähmt, indem sie in gleicher Höhe enden, sich gruppenweise zu symmetrischen Feldern zusammenschließen und nirgends unberechenbar aus ihnen ausscheren. Je enger sie nebeneinander stehen, desto geschmeidiger wirken sie, zuweilen wie Fell oder Gras. Zu Quadraten angeordnet,evozieren sie Kissen, die das Moment der Entspannung ausstrahlen.
Eine monochrome Farbgebung gehört zur Handschrift Schäfers. Beinahe alle Werke sind „geweißt“, wobei hellere und dunklere Tonwerte eine überraschend reiche Palette an Nuancen vor unserem Auge ausbreiten. Die Zurückhaltung macht die Kunst von Angelika Schäfer zu einer subtilen Angelegenheit. Es sind eher die leisen Töne, die die Künstlerin anstimmt. Neben Weiß begegnet man aber auch Rostbraun. Es erzeugt eine assoziative Verbindung zu Metall und dadurch zur Nadel und beinhaltet zuweilen gleichzeitig eine symbolische Komponente als Verweis auf die Vanitas.
Es fällt auf, dass aus der ruhigen Farbskala vereinzelt ein kräftiges Rot ausbricht. Diese Beobachtung führt uns auf die Spur eines Phänomens, das sich durch das bisherige Oeuvre von Angelika Schäfer wie ein roter Faden zieht und das eines der faszinierendsten Charakteristika der Arbeiten darstellt. Die Werke leben von Gegensätzen, die jedoch letztendlich durch deren Ausgewogenheit in eine ästhetische Synthese eines jeden Objektes münden. Sie betreffen Form, Farbe und Materialeigenschaften der verwendeten Stoffe beziehungsweise Gegenstände.
Von ganz großer Bedeutung für die Rezeption zahlreicher Objekte ist der Blickwinkel, aus welchem sie angeschaut werden. Das Licht spielt beim Erlebnis der Werke eine wichtige Rolle. Die Wirkung zahlreicher Arbeiten variiert stark bei wechselnder Beleuchtung. Über das Licht kommt neben Form und Farbe, neben Material und Größe der Nadel gleichsam eine fünfte Dimension mit ins Spiel: der Schatten .Veränderter Lichteinfall provoziert bei den Nadelschatten Intensitätsänderungen und Längenvariationen, die zu einer gänzlichveränderten Objektwahrnehmung führen können.
Die das Werk von Angelika M. Schäfer beherrschende Bildwirklichkeit -und dieses Verb ist gerade angesichts des dominanten Einsatzes der Nadel im doppelten Wortsinn passend – besticht in der Reduktion der eingesetzten Mittel, Formen und Farben welches in Mehr an künstlerischem und ästhetischem Ausdruck bedingt.
Dr. Eckhard Trox, Museen der Stadt Lüdenscheid
Dr. Agnes Zelck, Deutsches Drahtmuseum, Altena
Statements | Statements
Dr. Gunhild Müller-Zimmermann, Kulturredakteurin, Siegen:
Angelika M. Schäfer ist vielen Freunden der Webkunst im Siegerland sicher noch (unter ihrem Mädchennamen Angelika Fischbach) durch ihre schönen We bteppiche bekannt, die als Landschaftsbilder oder auch als abstraktes Form- und Materialspiel vor allem in den 80er Jahren hier, aber auch überregional zu sehen waren.(...) Nadeln nutzt die ausgebildeteTextildesignerin, nicht nur als formalen– räumlichen – Kontrastzum pl anen Bildträger Gewebe. Ihr Umgang mit den Nadeln, aber auch mit der Tradition des Webens, die sie in anderen Objekten mit Materialien wie Holzwolle verfremdet und in neue Kontexte stellt, scheint die Frage nach der Bedeutung der alten künstlerischen Handwerkstraditionen für die „Gestaltung der Welt“ aufzuwerfen. Ästhetisch gelungen, und, bei aller Verfremdung, immer mit der deutlichen Einladung, sich die ursprüngliche Funktion ins Gedächtniszu rufen. Die Arbeiten von Angelika M. Schäfer, die im In- und Ausland gezeigt wurden, bestechen durch ihre komplexe und gleichzeitig abstrahierende Konzentration auf wenige Farben und Formen. Sie sind ruhige ästhetische Einladungen zum Nachdenken über die Entstehung von Zusammenhängen, die, das zeigen die Arbeiten, manchmal sehr fragil sein können, manchmal auch erzwungen, zufällig oder kunstvoll geplant. Die Arbeiten stammen also „aus dem Leben“.
Rüdiger Kaldewey, Kunstsammler, Saarbrücken:
Mit einem Kulturgegenstand beschäftigt sich Angelika M.Schäfer in ihren Arbeiten. Sie hat die Nadel als künstlerisches Material entdeckt und macht deren Wirkung im ästhetischen Raum sichtbar. Sie entzieht der Nähnadel, die im realen Leben einen praktischen Zweck erfüllt, diesem pragmatischen Zusammenhang und verwandelt Nadeln in einoptisch starkes Ausdrucksmittel.Nadeln werden zu Nadelkissen angehäuft oder mit Materialien kombiniert. So entstehen collageartige Reliefs oder Skulpturen aus Nadeln zusammengefügt. (...) Die Arbeiten machen den Ausdrucksreichtum und den ästhetischen Reiz alltäglicher Gebrauchsmaterialien sichtbar. Sie müssen nu durch die gestaltende Hand einer kreativen Künstlerin gehen und sie werden zur Poesie. "Und die Welt hebt an zu singen, triffst du nur das Zauberwort."
Marieluise Spangenberg, Kulturamtsleiterin a.D., Iserlohn:
Ihre Vielseitigkeit und erstaunliche künstlerische Kreativität hat Angelika M. Schäfer in vielen anderen Galerien und Museen bewiesen. Eigentlich als Handweberin und Textilgestalterin ausgebildet, hat sie sich, wie die große Magdalena Abakanowicz, die gerade in der Villa Wessel zu sehen war, seit Jahren mehr und mehr auf andere Gestaltungsmittel zubewegt.Und nun auf einen ganz und gar unkünstlerischen aber bedeutenden Exportartikel, der in der Iserlohner Industrie Geschichte gemacht hat:Die Nadel. Mit immer neuer Erfindungskraft setzt sie Nadeln ins Bild, nutzt den rostigen Farbton als Gestaltungsmittel, bildet dreidimensionale Objekte in immer neuen Mustern von hohemästhetischen Reiz, setzt sie in immer neue Zusammenhänge, nimmt ihnen ihre spitze Aggression, lässt das polierte Material mit dem Glanz des Lichtes spielen, oder bringt das noch halbfertige Zwischenerzeugnis industrieller Produktion in spannungsreichen Kontrast zwischen Glatt und Rau, zwischen Weiß und Schwarz, Holz und Stoff und dicht besetztem rostig-braunem oder lichterfüllten schwarz-dunklem Raum.
Rainer Danne, Leiter der Städtischen Galerie Iserlohn
Es gehört zum stillen Wesen der Kunst, dass eine Reduktion der eingesetzten Mittel, Formen und Farben häufig ein Mehr an künstlerischen und ästhetischen Ausdruck bedingt. Angelika M. Schäfer beherrscht dies meisterlich. Mit Nadeln, Papiergarn und dem spärlichen Einsatz weniger Farbtöne gestaltet sie einen Objekt- und Bildkosmos, der ebenso durch die brillante Einfachheit und Strukturen, wie durch die absolute Sensibilität der Oberfläche besticht.